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Der Fall von Reckless Ben und Bricks & Minifigs: Wie ein Streit um eine LEGO-Sammlung zum viralen Justizdrama wurde
Ein Überblick über den Rechtsstreit zwischen BAM Franchising („Bricks & Minifigs“) und dem YouTuber Benjamin „Reckless Ben“ Schneider — und darüber, was wirklich belegt ist und was bislang nur Behauptung bleibt.
Stand: Anfang Juni 2026 | Aktenzeichen: 260402353 | Gericht: Fourth District Court, Utah
Es ist eine der ungewöhnlichsten Geschichten, die das Internet im Frühjahr 2026 beschäftigt haben: ein erbitterter Streit um eine riesige LEGO-Star-Wars-Sammlung, der über YouTube, Reddit und TikTok viral ging, Polizeieinsätze, Festnahmen und schliesslich eine Zivilklage vor einem Gericht im US-Bundesstaat Utah nach sich zog. Im Zentrum stehen ein YouTuber mit einem Faible für unkonventionelle Recherche-Videos, eine landesweite LEGO-Wiederverkaufskette und eine Familie, die behauptet, ihre wertvolle Sammlung sei ihr abhandengekommen.
Wichtig vorweg: In diesem Fall stehen sich sehr unterschiedliche Darstellungen gegenüber. Vieles, was online als gesicherte Tatsache kursiert, ist juristisch bislang nicht entschieden. Dieser Beitrag versucht deshalb, die Positionen klar auseinanderzuhalten.
Der Ursprung: eine Sammlung im Wert von bis zu $200’000
Den Berichten zufolge begann alles im Jahr 2023. Bryan Mansell aus dem Raum Salem (Oregon) gab gemeinsam mit seinem 83-jährigen Vater eine über viele Jahre aufgebaute LEGO-Star-Wars-Sammlung in einer lokalen „Bricks & Minifigs“-Filiale in Kommission (Consignment). Die Sammlung soll mehr als 780 Sets und über 1.200 Minifiguren umfasst haben; die Familie bewertet sie mit rund 200.000 US-Dollar. Der Plan: Die Stücke über den Laden verkaufen und den Erlös teilen — unter anderem, um damit die Ausbildung der Enkelkinder zu finanzieren.
„Bricks & Minifigs“ (Betreibergesellschaft: BAM Franchising, Inc.) ist eine US-amerikanische Franchise-Kette mit über 300 Standorten in den USA und Kanada, die gebrauchte und neue LEGO-Produkte an- und verkauft. Die einzelnen Filialen werden von unabhängigen Franchisenehmern betrieben.
Die Übernahme der Filiale — zwei Versionen einer Geschichte
Der eigentliche Konflikt entzündete sich an einem Eigentümerwechsel. Nach Darstellung mehrerer Medien übernahm im November 2024 ein neuer Betreiber den Standort Salem-Keizer, nachdem die Konzernzentrale dem bisherigen Franchisenehmer (Chrystal Law/Gorman) das Franchise entzogen hatte. Hier gehen die Erzählungen auseinander:
Aus Sicht von Mansell und der früheren Betreiberin wurde der Laden faktisch übernommen und die private Kommissionssammlung dabei einbehalten. Die frühere Franchisenehmerin sprach öffentlich von einer erzwungenen Räumung „unter Androhung polizeilicher Massnahmen“ und ohne Entschädigung. Mansell betont, er habe seine Sets bis heute nicht zurückerhalten.
Aus Sicht von BAM Franchising stellt sich der Vorgang grundlegend anders dar. Das Unternehmen erklärte öffentlich, es sei an der Kommissionsvereinbarung nie beteiligt gewesen und habe von ihr nichts gewusst — solche Absprachen seien nach den Franchise-Regeln gar nicht zulässig. Der frühere Betreiber habe Zahlungen und Lizenzgebühren in Höhe von rund 200.000 Dollar geschuldet; erst nach gescheiterten Verhandlungen sei die Filiale übernommen worden. Die Sammlung habe sich beim Übernahmezeitpunkt nicht im Laden befunden; man habe lediglich einige wenige Sets im Wert von etwa 2.000 bis 5.000 Dollar gefunden, die möglicherweise dazugehörten, und deren Rückgabe angeboten — was abgelehnt worden sei. Auch den Wert von 200.000 Dollar bestreitet das Unternehmen; ihm vorgelegte Unterlagen deuteten eher auf 60.000 bis 80.000 Dollar hin.
Beide Seiten stützen sich auf eigene Dokumente. Der frühere Betreiber verweist auf Unterlagen, die belegen sollen, dass Kommissionsgeschäfte unter bestimmten Umständen erlaubt gewesen seien. Über die ursprüngliche Franchise-Kündigung läuft inzwischen ein eigenes Gerichtsverfahren (Aktenzeichen 260200029).
Auftritt: „Reckless Ben“
In diese festgefahrene Situation schaltete sich der YouTuber Benjamin Paul Schneider (30, aus Los Angeles) ein, online besser bekannt als „Reckless Ben“. Sein Kanal ist für Recherche-Videos im Stil investigativer Dokumentationen über mutmassliche Betrugsmaschen und Schlupflöcher bekannt.
Schneider produzierte eine Serie von Videos, die millionenfach geklickt wurden, besuchte mehrfach Filialen, filmte teils verdeckt mit einer Kamerabrille und startete eine GoFundMe-Kampagne zugunsten der Familie Mansell, die innerhalb kurzer Zeit sechsstellige Summen einsammelte. Er gründete ausserdem ein provokativ benanntes Unternehmen („We Steal From Old People“) und nutzte „Bricks & Minifigs“-Branding — nach eigener Darstellung als Druckmittel und Protestaktion. Der Fall zog rasch weitere Kreise: Auch grosse YouTuber griffen das Thema auf, und in der LEGO-Community wurde heftig diskutiert.
Festnahmen in Utah: Was belegt ist, und was nicht
Im Verlauf der Auseinandersetzung kam es im März 2026 zu mehreren Polizeieinsätzen im Raum American Fork (Utah). Schneider wurde laut Polizeiangaben zwischen dem 8. und 11. März zweimal festgenommen. Ihm werden mehrere Vergehen (Misdemeanors) zur Last gelegt: unter anderem Stalking, gezieltes Picketing vor einer Privatwohnung (targeted residential picketing), ordnungswidriges Verhalten und Hausfriedensbruch (criminal trespass). Als mutmassliches Opfer nennt die Polizei Joshua Johnson, einen mit Bricks & Minifigs verbundenen Anwohner.
Zur Einordnung — und das ist zentral:
- Es handelt sich um Anklagepunkte, nicht um Verurteilungen. Die eidesstattlichen Erklärungen der Polizei (probable cause affidavits) sind Begründungen für Festnahmen und stellen ausdrücklich keine Schuldfeststellung dar.
- Schneider widerspricht der Darstellung der Polizei. Er argumentiert, er habe lediglich versucht, gerichtliche Dokumente zuzustellen und den Verbleib der Sammlung aufzuklären. Er erhebt seinerseits Vorwürfe gegen die Polizei (u. a. unverhältnismässige Gewalt und manipulierte Aufnahmen).
- Die American Fork Police Department weist Vorwürfe von Voreingenommenheit zurück, hat Bodycam-Material veröffentlicht und erklärt, mit Stand 29. Mai 2026 lägen keine offenen Haftbefehle gegen Schneider vor. Ein Durchsuchungsbeschluss für eine Ferienwohnung wurde genehmigt; gestohlene Gegenstände wurden dabei laut Polizei nicht gefunden.
Das Video von Schneiders Festnahme löste eine Welle öffentlicher Kritik an der Polizei aus — so stark, dass mehrere andere Behörden in Utah öffentlich klarstellten, mit dem Fall nichts zu tun zu haben.
Die Zivilklage: Fall Nr. 260402353
Als Reaktion auf die Online-Kampagne reichte BAM Franchising gemeinsam mit mehreren Einzelpersonen eine Zivilklage ein. Die Eckdaten:
- Aktenzeichen: 260402353
- Gericht: Fourth Judicial District Court, Utah County (Provo)
- Richter: Tony F. Graf Jr. (unterzeichnete einen Termin für eine einstweilige Verfügung am 28. Mai 2026)
- Kläger: BAM Franchising, Ammon McNeff, Matthew McNeff, Josh Johnson, Brandon Best und Baker Bricks
- Beklagte: Benjamin Schneider, die Reckless Ben LLC, Bryan Mansell, Victor Nguyen sowie weitere, noch nicht namentlich benannte Personen („Does 1–15″)
In der Klage wirft das Unternehmen den Beklagten vor, eine koordinierte Kampagne gegen BAM und seine Franchisenehmer geführt zu haben — über Videos, persönliche Aktionen vor Ort, Social-Media-Beiträge, Merchandise und mutmassliche Belästigung. Die Klage argumentiert, Schneiders Videos hätten dem Unternehmen, seiner Führung und den neuen Betreibern fälschlich Diebstahl und Vertuschung unterstellt; im Kern handle es sich um einen privaten Kommissionsstreit mit dem früheren Franchisenehmer — und gerade nicht um einen gerichtlich festgestellten Diebstahl durch den Konzern.
Wo der Fall heute steht
Beide Seiten zeichnen weiterhin grundlegend verschiedene Bilder dessen, was mit der Sammlung geschah. Mehrere Verfahren laufen parallel — die Zivilklage gegen Schneider und Mansell, das Verfahren des früheren Franchisenehmers gegen BAM und die strafrechtlichen Vorwürfe gegen Schneider. Entschieden ist bislang nichts davon.
Der Fall ist damit ein lehrreiches Beispiel dafür, wie schnell ein zivilrechtlicher Streit im Zeitalter viraler Medien eskalieren kann — und warum es sich lohnt, zwischen dem, was eine Seite behauptet, und dem, was ein Gericht tatsächlich festgestellt hat, sorgfältig zu unterscheiden.
Hinweis: Dieser Beitrag fasst öffentlich berichtete Informationen zusammen (Stand: Anfang Juni 2026). Sämtliche Vorwürfe, sowohl gegen das Unternehmen als auch gegen die beteiligten Privatpersonen, sind bislang nicht gerichtlich entschieden. Für alle Beteiligten gilt die Unschuldsvermutung.
